Datensouveränität

Datensouveränität ist als Teilbereich von Digitaler Souveränität ein unscharfer Diskursbegriff und wird verwendet, um verschiedene Aspekte der individuellen oder gesellschaftlichen Befähigung zum selbstbestimmten Umgang mit Big Data zum Ausdruck zu bringen. Grundannahme ist dabei, dass aktuelle rechtliche Regelungen, politische Agenden und individuelle Kompetenzen nicht ausreichend an die neuen Bedingungen der Massendatenverarbeitung angepasst sind. Der Datensouveränitätsbegriff wird von verschiedenen Akteuren unterschiedlich geprägt. Da er anders als „informationelle Selbstbestimmung“ stärker die Ermöglichung von Datenerhebung und Datenverarbeitung betont, wird er von manchen Datenschützern auch als „Lobbybegriff“ bezeichnet. Die in dem Zusammenhang mit Datensouveränität diskutierten Probleme gehen jedoch deutlich über die Verfügbarmachung von Daten hinaus. Der Diskurs ist uneinheitlich und verzweigt, außerdem ergeben sich zahlreiche Überschneidungen mit anderen Themen wie rechtlicher Rahmen und Datensicherheit.

» Zentrale Themenbereiche:

Recht und Datenschutz

Rechtliche Fragen bilden den kontroversesten Aspekt der Debatten um Datensouveränität. Hier beschreibt Datensouveränität häufig den Ansatz, Daten aufgrund der wertvollen Erkenntnisse, die sich aus ihnen gewinnen lassen, weniger als individuelles Eigentum, sondern als kollektives Gut zu betrachten. Daraus würde auch folgen, die Widersprüche zwischen den Grundsätzen des aktuellen Datenschutzes (Datensparsamkeit, Einwilligungserfordernis und Zweckbindung) und den Anforderungen von Massendatenanalysen (Datenreichtum, automatischer Musterkennung ohne vorentworfenes Ziel und Rekontextualisierung) zugunsten letzterer aufzulösen. Nutzer von Digitaltechnologien sollten aber auch unter Big-Data-freundlichen Bedingungen in der Lage sein, informiert und selbstbestimmt zu entscheiden, was mit ihren Daten geschieht. Dazu müssten nicht nur Transparenz in den Prozessen geschaffen, sondern auch Einschränkungs- und Wahlmöglichkeiten im Verlauf des Datenanalyseprozesses ermöglicht werden. Datenschützer befürchten jedoch den Verlust der im Datenschutzrecht verankerten informationellen Selbstbestimmung.

Politsche Strategie

Im politischen Diskurs wird der Begriff der Datensouveränität verwendet, um den angestrebten Zustand der Unabhängigkeit von ausländischen Datenverarbeitungsunternehmen zu bezeichnen. Eng damit verbunden ist das Ziel, bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz und der Stärkung der Datenwirtschaft eine international Führungsposition zu erlangen. Dazu strebt die Bundesregierung die Förderung von Forschung und Innovation, beispielsweise im Rahmen einer nationalen KI-Strategie, aber auch um den Ausbau der digitalen Infrastruktur als deren Grundbedingung an. Deutsche Datenverarbeitungsunternehmen und Forschungseinrichtungen hoffen auf den Abbau regulatorischer Hürden für die Sammlung und Auswertung von Daten und benötigen technisch wie auch rechtlich sichere Repositorien, Austausch- und Verarbeitungsplattformen für qualitativ hochwertige Datensets.

Digitalkompetenz

Zu überblicken, welche Daten während der Interaktion mit Digitaltechnologien übermittelt werden und wie die Prozesse zur Verwertung dieser Daten eigentlich funktionieren, ist nur wenigen Spezialisten möglich. Allerdings gibt es nicht genug spezialisierter Fachkräfte, um den Ambitionen von einer deutschen Datenwirtschaft mit Spitzenniveau gerecht zu werden. Zusätzlich müssen auch auf der Anwendungsebene die Nutzer Datenverarbeitungsmechanismen verstehen, um informiert entscheiden zu können, welcher Datennutzung sie zustimmen. Digitale Technologien überfordern Teile der Bevölkerung oder bleiben ihnen aufgrund zu hoher Komplexität und eingeschränkter Bedienbarkeit gänzlich unzugänglich. Um Datensouveränität im Sinne von Kenntnissen und praktischer Befähigung – als Digitalkompetenz – zu erreichen, muss der Vorsprung bei der Big Data-Entwicklung aufgeholt werden: dies nicht nur in den Bereichen Bildung, Inklusion und Usability sondern auch im Sinne einer gesellschaftlichen Reflexion.

Wir stellen die aktuellen Herausforderungen und Trends des Themenschwerpunkts sowie die wichtigsten Institutionen und Initiativen vor. Unsere Zusammenstellung weiterführender Informationen soll einen tieferen Einstieg in das Thema erleichtern.

Institutionen und Initiativen (Auswahl)
  • International Data Spaces Association – Ein virtueller Datenraum für den sicheren und datenschutzgerechten Datenaustausch zwischen verschiedenen Teilnehmern. Als „Network of Trusted Data“ ist Industrial Data Spaces ein Modell für eine Infrastruktur mit Privacy-by-Design-Ansatz für den souveränen Austausch von Daten. Projekt des BMBF.
  • Weizenbaum Institut – Die Aufgabe des Weizenbaum-Instituts für die vernetzte Gesellschaft ist es, aktuelle gesellschaftliche Veränderungen, die sich im Zusammenhang mit der Digitalisierung abzeichnen, zu untersuchen und künftige politische und wirtschaftliche Handlungsoptionen zu skizzieren. Im Forschungsbereich „Wissen, Bildung und soziale Ungleichheit“ recherchiert die Gruppe zu digitaler Souveränität und individuellem Umgang mit digitalen Technologien.
  • Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) – HIIG erforscht die Entwicklung des Internets aus einer gesellschaftlichen Perspektive. Ziel ist es, die damit einhergehende Digitalisierung aller Lebensbereiche besser zu verstehen. Das Konzept „Datensouveränität“ wird im Forschungsprogramm „Governance datengetriebener Innovation und Cybersicherheit“ untersucht.
  • Digital Society Institute (DSI) – Dieses Institut fördert den Dialog zwischen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu Digitalisierungsthemen auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse. Darüber hinaus arbeitet es an der Entwicklung disruptiver Cybertechnologien. In Fokusseminaren versucht das Institut Themen wie Datensouveränität zu analysieren.
Weiterführende Informationen und Publikationen

Datensouveränität

Digitale Souveränität